Also hier mal Grundregeln zum Vocal-Recorden.
Stimmenfang
Sprach- und Gesangsaufnahmen erfordern besondere Sorgfalt, denn die Stimme ist das natürlichste Instrument des Menschen, das auch der Laie überkritisch beurteilt. Dieses Kompendium liefert Ihnen die Arbeitsgrundlage zur Erstellung professioneller Aufnahmen.
Von Harald Wittig
Im Laufe der Evolution hat das menschliche Gehör eine besondere Sensibilität für die Stimme entwickelt. Schon kleinste Abweichungen und Unregelmäßigkeiten im Klangbild fallen sogar ungeschulten Hörern auf. Nicht selten entsteht beim Hören eines Sprechers in unserem Kopf ein detailgenaues Bild des Sprechenden. In gewisser Weise ist die Sprechstimme der akustische Fingerabdruck eines Menschen. Im Gegensatz zu Gesangsaufnahmen, wo künstlerisch-ästhetische Aspekte ein starkes Gewicht haben, ist bei Sprachaufnahmen oberstes Gebot, die Stimme so natürlich wie möglich aufzuzeichnen. Beginnen wir daher mit Sprachaufnahmen und den Grundregeln, die Sie beachten sollten und widmen uns danach der Gesangsaufnahme und ihren Besonderheiten.
Das Sprecher-Mikrofon
Die Grundtöne der Sprachmelodie oder Sprechtonhöhe – das ist die Tonhöhenbewegung beim Sprechen – liegt bei Männern bei etwa 120 bis 160 Hertz, bei Frauen und Kindern bei circa 220 bis 330 Hertz. Die Stimmbänder erzeugen, insoweit vergleichbar mit der Saite eines Musikinstruments, die Töne. Die natürlichen Resonanzräume des Menschen, also Brust, Mund, Nase und Rachen, sorgen für das Volumen, die Durchsetzungsfähigkeit und den unverwechselbaren Klang einer individuellen Stimme. Mit anderen Worten: Die Stimme ist der klingende Fingerabdruck eines Menschen. Der Mensch kann durch bewusste oder unbewusste Veränderung des Volumens in den jeweiligen Hohlräumen das Obertonspektrum seiner Stimme beeinflussen. Auch die Selbstlaute (Vokale) entstehen durch bestimmte Resonanzen, die in den Hohlräumen der Brust und des Kopfes erzeugt werden. Diese Resonanzfrequenzen nennt der Fachmann Formanten, wobei jeder Vokal durch unterschiedliche Formanten seinen Charakter erhält.Sie habe es erkannt: Die Stimme eines Menschen ist das Ergebnis sehr komplexer Signalzusammenhänge, deswegen benötigen Sie ein Mikrofon, dass eine höchstmögliche Signaltreue bei der Aufzeichnung gewährleistet. Erste Wahl sind dafür Kondensator-Mikrofone. Auch wenn in Sprecherstudios meist Großmembran-Mikrofonen bevorzugt werden, spricht einiges für Kleinmembran-Mikrofone, da diese Schallwandler in puncto Signaltreue den Großkopferten überlegen sind. Ein sehr gutes Mikrofon ist beispielsweise das M 300 von Microtech Gefell (circa 750 Euro), das Sie wegen seiner hohen Neutralität getrost als Allrounder einsetzen können – also auch für Sprache. Besondere Beachtung sollten Sie dem Verhalten des Mikrofons bei Konsonanten schenken: Namentlich den sogenannten Verschlusslauten T und D und den Zischlauten oder Sibilanten, also S, SZ, CH und SCH. Es gibt nicht wenige Mikrofone, die hier, wegen einer starken Pegelanhebung im Bereich von etwa fünf bis acht Kilohertz, sehr empfindlich sind. Treten diese Zischlaute unangenehm, das meint unnatürlich hervor, eignet sich ein solches Mikrofon nicht für Sprachaufnahmen. Glauben Sie bloß nicht, dass Sie hier viel mit einem De-esser ausbügeln können. Wichtiger als derlei zeitaufwändige und höchstwahrscheinlich fehlschlagende Versuche, ist ein Mikrofon mit linearem und weichem Höhenbereich. Dies erfüllen vor allem neutrale Schallwandler.Ansonsten sei an dieser Stelle nachhaltig auf unsere Mikrofon-Tests verwiesen, wo wir im Detail auf das Klangeigenschaften eingehen. Die Bestenliste (siehe Seiten 104 bis 109) liefert Ihnen die entsprechenden Fundstellen.
Die Wahl der Richtcharakteristik
Weltweit steht die Nierencharakteristik für Sprachaufnahmen hoch im Kurs, denn dadurch können Sie störende Raumreflexionen gut ausblenden, ohne dass das aufgezeichnete Signal zu trocken klingt. Allerdings sollten Sie an der Simpel-Gleichung: Sprache=Niere nicht sklavisch festhalten. Ein Druckempfänger mit Kugelcharakteristik (Näheres in Teil 1, Ausgabe 6/2008) bringt Sie wegen des unerreicht guten Tiefenverhaltens noch näher an das Ideal einer naturgetreuen Stimmaufnahme heran. Allerdings benötigen Sie in diesem Fall einen akustisch optimierten, neutral klingend Raum, besser noch eine Sprecherkabine – anderenfalls könnten Sie ernsthafte Probleme mit sogenannten Resonanzfrequenzen und den gefürchteten Flatterechos bekommen. Um Ihren eigenen Aufnahmeraum auf Resonanzfrequenzen zu überprüfen, benötigen Sie nicht unbedingt komplizierte Messgeräte. Singen oder summen Sie mit ihrem eigenen Tonumfang und regen Sie so den Raum an: Die jeweiligen Resonanzfrequenzen findet Ihr Ohr sehr schnell, denn die Töne werden lauter, im Extremfall regelrecht dröhnend. Bleibt dieser Effekt aus – Glückwunsch. Sie haben einen neutralen, natürlich klingenden Raum, der Stimmen und Instrumente mit der jeweiligen eigenen, unverfälschten Klangfärbung aufzeichnet.Vom Flatterecho spricht der Fachmann, wenn in zeitlich sehr kurzen Abständen eine im Pegel abnehmbare Folge von reflektiertem Schall entsteht. Vorzugsweise kleine Räume mit parallelen Wänden und schallharten, glatten Oberflächen, die den Schall mehrmals hin und her werfen, sind für Flatterechos prädestiniert. Das Ergebnis ist ein metallischer, blecherner Klang, der den Originalschall überlagert und auf den Aufnahmen zu hören ist. Abhilfe schaffen Diffusoren, höchst effektiv ist es, wenn Sie den Mikrofon-Platz rundum mit schweren Tüchern abhängen. Damit verkürzen Sie logischerweise auch die Nachhallzeit. Hier sollten Sie beherzigen, dass die Nachhallzeit des Raumes bei Sprachaufnahmen am Besten lediglich 0,5 Sekunden betragen sollte. Ob Sie sich nun für Nieren- oder Kugelcharakteristik entscheiden: Eine elastische Aufhängung, die hoffentlich Ihrem Mikrofon beiliegt, ist Pflicht – nicht nur bei Großmembran- sondern ebenso bei Kleinmembran-Mikrofonen. Denn Tritt- und Körperschallschwingungen gehören zu den unliebsamsten Aufnahme-Katastrophen.
Der richtige Abstand
Als Faustformel gilt: Der Abstand Sprecher/Mikrofon sollte wenigstens 20, höchstens 40 Zentimeter betragen. Das entspricht in etwa einer ausgestreckten Hand oder einer Armlänge. Arbeiten Sie mit Nierencharakteristik, müssen Sie den Nahbesprechungseffekt (ausführlich in Teil 1) bei geringem Mikrofonabstand berücksichtigen. Dieser kann durchaus erwünscht sein, um der Stimme ein scheinbares Fundament zu geben, kann aber auch zu einer unnatürlichen Andickung der Sprecherstimme führen. Hier hilft nichts besser, als konzentriertes Hören: Machen Sie Testaufnahmen und hören Sie diese konzentriert ab. Nicht nur über Ihre Monitore, sondern auch über Ihren Kopfhörer, der seinerseits möglichst neutral sein sollte, denn er stellt gewissermaßen Ihre akustische Lupe dar. Lassen Sie auch den Sprecher selbst hören und befragen Sie ihn. Gerade Profis besitzen neben viel Erfahrung vor allem auch ein gutes Gehör und niemand sollte zu stolz sein, diese Gaben nicht zu nutzen.Entscheiden Sie sich für eine Niere und einen kurzen Mikrofonabstand, weil Sie ein trockeneres Signal mit verbesserter Präsenz bevorzugen, gehört ein Poppschutz zum unverzichtbaren Zubehör. Das Nierenmikrofon ist als Druckgradientenempfänger konstruktionsbedingt besonders anfällig für die Luftbewegungen, die beim Sprechen und Singen der sogenannten Explosivlaute wie P und T auftreten: Diese bewirken nämlich eine extrem tieffrequente Schallanregung und können das Mikrofon leicht übersteuern. Der Poppschutz hat die Aufgabe, diese Popplaute, wie sie lautmalerisch genannt werden, zu reduzieren beziehungsweise ihnen die Energie zu nehmen. Ein wirksamer und klanglich weitgehend unauffälliger Poppschutz besteht aus einem Gaze-bespannten Schirm, der an einem biegsamen Schwanenhals am Mikrofon-Stativ befestigt ist. Standard sind die Produkte von König & Meyer, die kostengünstig und sehr zuverlässig sind. Auf keinem Fall dürfen Sie den mitgelieferten Schaumstoff-Windschutz verwenden, denn dieser schluckt immer Höhen. Bei Außenaufnahmen lässt sich damit leben, im Studio ist der Windschutz als Poppschutz tabu.
Trittschall filtern?
Sollte trotz Poppschutz und guter elastischer Aufhängung auf der Aufnahme tieffrequente Rumpler zu hören sein, empfiehlt sich ein Hochpassfilter. Dafür gibt es die goldene Regel: Erst den Hochpass- oder Trittschallfilter am Mikrofon aktivieren, erst dann – wenn es nicht anders geht – am Mischpult oder im virtuellen DAW-Mischer. Es hängt stark davon ab, welchen Grundtonbereich die aufzuzeichnende Stimme hat (siehe oben). Während bei Frauen und Kindern das Trittschallfilter in der Regel keinen Schaden ausrichten wird, können Männerstimmen durch die Bassabschneidung leiden. Allgemeingültige Regeln gibt es nicht. Nur die oberste: Hören Sie, einmal mehr gemeinsam mit dem Sprecher, auf die klangliche Wirkung des Filters. Seien Sie gewiss, dass ein Könner meist genug Disziplin besitzt, um die unerwünschten Rumpler weitgehend auszuschließen. Somit können Sie auf das Trittschallfilter verzichten.
Dynamikbearbeitung bei der Aufnahme?
Sie haben wahrscheinlich schon die Empfehlung gelesen oder gehört, dass die menschliche Stimme wegen ihres großen Dynamikumfangs schon bei der Aufnahme leicht komprimiert werden sollte. Das mag bei Live-Sendungen – beispielsweise im Rundfunk – zutreffend sein. Bei Studio-Aufnahmen ist hiervon abzuraten, denn auch der beste Kompressor verändert die natürliche Dynamik, von Klangverfärbungen ganz zu schweigen. Besser fahren Sie, wenn Sie sorgfältig einpegeln und einen genügend großen Headroom einplanen. Insoweit geht nichts ohne einen mehr oder weniger zeitaufwändigen Soundcheck, bei dem Sie einmal mehr konzentriert Hören müssen. Arbeiten Sie mit professionellen Sprechern, die ein gutes Gefühl für eine in sich ausgewogene Dynamik haben, ist es ein Leichtes, den Kompressor außen vor zu lassen. Beim Nachbearbeiten der Aufnahmen können Sie Pegeldifferenzen händisch oder via Automation ausgleichen. Arbeiten Sie mit Laien, dann, aber nur dann, ist der Kompressor ein mögliches Werkzeug, um Übersteuerungen, die gerade bei Digital-Aufnahmen zum hässlichen Clipping führen, vorzubeugen. In ähnlicher Weise gilt das auch für den De-esser, der im Grunde nur ein spezialisierter Kompressor ist. Solange Sie Zeit zur Nachbearbeitung haben, bleibt es Ihnen unbenommen, nachträglich mit dem Zischlaut-Bekämpfer zu arbeiten. Aber möglichst nicht bei der Erstellung der Aufnahme.
Befassen wir uns jetzt mit der Gesangsaufnahme. Die eben beschriebenen Grundsätze von der Raumakustik bis zum Trittschallfilter gelten auch hier. Allerdings gibt es einige Besonderheiten, die wir jetzt ausführlich besprechen.
Das optimale Gesangsmikrofon
Während wir bei der Sprachaufnahme höchstmögliche Signaltreue und Natürlichkeit anstreben, geht es beim Gesang vor allem um den künstlerischen Ausdruck und die kreative Klanggestaltung. Daher sind Sie bei der Mikrofonwahl weitaus freier. In den meisten Studios vertraut der Tontechniker auf Großmembran-Kondensatormikrofone, Sie können aber ebenso mit Kleinmembran-Mikrofonen arbeiten. Nach wie vor ganz oben rangiert der Neumann-Klassiker U87 (Test in Ausgabe 6/2007). Topproduzent Walter Quintus beispielsweise setzt aus jahrzehntelanger Erfahrung auf das U87: „Dieses Mikrofon hat Charakter, passt zu allen Stimmen und besitzt eine angenehme, unaufdringliche Wärme. Mir fehlen mitunter die Höhen, aber dafür gibt es Equalizer. Wärme lässt sich dagegen nicht über den Equalizer erzeugen.“ Das Stichwort „Wärme“ sollte Sie bei der Auswahl des Gesangsmikrofons leiten. Ein Gesangsmikrofon sollte weiche Mitten und Höhen haben, um die kritischen Sibilanten nicht zu aufdringlich hervortreten zu lassen. Solche Mikrofone gibt es auch in den gemäßigteren Preisregionen, zu nennen wäre das MXL V67i (226 Euro), das auf Wunsch dank zweier Klangcharakteristika auch sehr präsent klingen kann. Auch das estnische Amethyst Vintage von Violet Design ist eine Empfehlung wert: Es besitzt Allrounder-Qualitäten und ist mit rund 1.000 Euro erschwinglich. Ein heißer Tipp ist das ausgezeichnete Microtech Gefell M930 (ebenfalls etwa 1.000 Euro, Test in Ausgabe 6/2007), das vor allem mit sehr hoher Signaltreue punkten kann und bei Professional audio Magazin als Alleskönner in jeder Aufnahmesituation hochgeschätzt ist.
Speziell für Gesangsaufnahme sollten Sie auch Bändchen-Mikrofone in die engere Wahl ziehen. Immergrüner Klassiker sind M 130 und 160 von Beyerdynamic, das letztere war beispielsweise das Lieblings-Gesangsmikrofon von Jimi Hendrix und seinem Toningenieur Eddie Kramer. Bändchen-Mikrofone klingen im Allgemeinen sehr vollmundig warm und haben sehr weiche Höhen. Allerdings können Sie auch sehr bassig sein, was vor allem bei tiefen Stimmen problematisch ist. Hinzu kommt, dass sehr kostengünstige Bändchen-Mikrofone einen ausgeprägten Nahbesprechungseffekt aufweisen. Beachten Sie, dass Sie wegen des sehr geringen Pegels – oft kaum mehr als 1,0 mV/Pa – wenig Gain-Reserven haben und nicht ohne weiteres den Abstand des Sängers zum Mikrofon vergrößern können.
Sehr beliebt für Gesangsaufnahmen sind Röhren-Mikrofone, allerdings sollten Sie sich davor hüten, die Röhrentechnik automatisch mit einem besonders warmen, weichen Klang gleichzusetzen. Dass das Brauner VM1 bei Könnern wie Andy Hellwig von den Münchener Waters Edge-Studios und vielen anderen Profis als „Schweizer Offiziersmesser für alle Stimmlagen“ gilt, liegt eher an der hervorragenden Gesamtkonstruktion und Abstimmung dieses Traummikrofons. Ähnliches lässt sich über das Neumann M 149 sagen. Röhrenmikrofone können nämlich auch mit unangenehm harschem Präsenz- und Höhenbereich aufwarten. Daher an dieser Stelle wieder der Hinweis auf unsere Test und die Bestenliste, damit Sie bei der Auswahl des Röhren-Mikrofons den passenden Kandidaten finden.
Schließlich haben auch typische Bühnen-Gesangsmikrofone eine Existenzberechtigung im Studio. Das Shure SM58 beispielsweise gerät zwar in puncto Auflösung, Impulsverhalten und Ausgewogenheit gegenüber allen genannten Kondensator-Mikrofonen ins Hintertreffen. Dennoch: Wenn ein erfahrener Sänger auf dieses Mikrofon setzt, weil es zu seiner Stimme und seiner Mikrofontechnik passt, sollten Sie es ihm nicht ausreden. Beispielsweise hat Michael Jackson das berühmte „Thriller“-Album komplett mit seinem geliebten SM58 eingesungen.

Genaue Positionierung
Positionieren Sie das Mikrofon etwas oberhalb der Mundhöhle. Das mindert die Gefahr von Poppgeräuschen, auf einen Poppschutz sollten Sie gleichwohl nicht verzichten. Wenn Sie ein Großmembran-Mikrofon einsetzen, achten Sie peinlich darauf, dass die Kapsel senkrecht zur Einsprechrichtung steht. Nur so nutzen Sie die Übertragungseigenschaften des Mikrofons optimal und Schallreflexionen am üppig dimensionierten Mikrofongehäuse können die Kapsel nicht erreichen. Das Mikrofonkabel darf keinen Zug haben, sorgen Sie also für Zugentlastung. Befestigungs-Klemmen für eine sichere Verbindung Kabel-Stativ liegen beispielsweise König & Meyer-Stativen bei, kosten aber als Zubehör nur ein paar Cents. Eine lohnenswerte Investition. Auch beim Stativ selbst sollten Sie nicht am falschen Ende sparen. Bewährt haben sich hier professionelle, mit Nextel beschichtete Stative mit Ausziehgalgen: Nextel reduziert unerwünschte Reflexionen, der Galgen macht das Stativ universell einsetzbar. Sie sind damit sehr viel flexibler bei der Höhenjustage und der punktgenauen Ausrichtung des Mikrofons: Es kann nämlich durchaus sein, dass der Sänger seinen Part ausnahmsweise im Sitzen einsingen möchte. Hierzu ein wichtiger Hinweis: Belehren Sie einen Profi nie über Dinge wie Atemtechnik, Atemstütze (Appoggio) und dass es „wegen des Lungenvolumens“ besser sei, zu stehen. Ein ausgebildeter Sänger hat in dieser Hinsicht mit Sicherheit mehr drauf als Sie. Wenn er sitzen möchte – bitte.
Virtuose Mikrofontechnik ersetzt Dynamikbegrenzer
Professionelle Sänger kennen ihr Instrument, die Stimme sehr genau. Das heißt zunächst, dass diese Musiker wissen, wie weit sie vom Mikrofon weg stehen müssen, um den oft extremen Dynamikumfang (Pegelspitzen bis 140 Dezibel sind nicht selten) ihrer Stimme weitgehend verzerrungsfrei auszunutzen. Auch wenn beim Gesang der Abstand von 20 bis 40 Zentimetern zum Mikrofon wie bei der Sprachaufnahme als Arbeitsgrundlage gilt, kann er im Einzelfall bis 1,5 Meter betragen.
Viele Sänger variieren gerne den Abstand, um den Dynamiksprüngen, die eine lebendige Interpretation ausmacht, gerecht zu werden – das Stichwort heißt Mikrofontechnik. Profis beherrschen diese virtuos, so dass Sie, sofern Sie für ausreichenden Headroom beim Einpegeln gesorgt haben, auf Dynamikbegrenzer bei der Aufnahme verzichten können. Lassen wir auch dazu Walter Quintus zu Wort kommen: „Ein Profi hat es drauf, dank guter Mikrofontechnik mit der Dynamik umzugehen. Deswegen hat der Kompressor im Signalweg nichts zu suchen. Im Zweifelsfall muss beim Soundcheck eben besonders sorgfältig eingepegelt werden – natürlich in Zusammenarbeit mit dem Sänger. Ausnahmsweise setze ich einen Kompressor bei Vokal-Improvisationen ein, wo die Intensität des Vortrags auch für den Künstler nicht immer vorhersehbar ist. Aber auch in diesem Fall sehr dezent und wirklich nur, wenn es nicht anders geht.“
Wenn der Sänger seinen Part als Overdub einsingt, sollten Sie ihm einen geschlossenen Kopfhörer (Übersprechen) mit hohem Tragekomfort geben. Empfehlenswert ist beispielsweise der AKG 271K Studio. Beim Cue-/Kopfhörer-Mix hilft es sehr, wenn Sie ein leichtes Delay auf seine Stimme legen – der scheinbare Räumlichkeitsgewinn verbessert die Performance. Hall ist problematisch, da auch sehr gute Sänger Schwierigkeiten mit der Intonation bekommen können. Im Zweifel hilft – wie so oft – fragen und hören.
Sie sehen also: Es gibt wenige grundlegende Regeln, die Sie beachten müssen, um hochwertige Sprach- und Gesangsaufnahmen anfertigen zu können. Eigenen Experimenten sind keine Grenzen gesetzt. Über allem steht das diamantene Grundgesetz: Hören Sie. Denn Ihre Ohren sind das wichtigste Werkzeug und leiten Sie durch den Aufnahmeprozess.