Das Schlosszelt – oder Lesung mit Band
Ein Bekannter von mir hat eine Zwei-Mann Veranstaltungstechnik-Firma plus den einen oder anderen AzuBi. Seit kurzem hat er die technische Leitung in einer Münchner Location, die allgemein unter dem Namen „Das Schlosszelt“ bekannt ist. Wer es sich mal ansehen will, hier der Link:
http://www.dasschloss.com
Da zwei Leute nicht eine Location mit bis zu sechs Veranstaltungen pro Woche betreuen können (immerhin haben die mit ihrer Firma auch noch eine Menge eigener Produktionen und Kunden zu verarzten), hat er sich weitere drei Leute dazu geholt, die das Schloss bei den verschiedenen Produktionen betreuen. Einer davon bin ich, und die erste Produktion – Lesungen von drei Geschichten Simon Becketts mit Begleitband – habe ich geschaukelt. Um das vorwegzunehmen: Ich hatte mir von den Jobs nicht viel Unterhaltungswert versprochen. Doch was soll ich sagen: Ich liebe es, wenn ich Unrecht habe. Es war ein absolutes Vergnügen!
Zur Location: Das Schloss ist ein Zelt mit einem Fassungsvermögen von 400 Leuten, wenn Esstische und Stühle darin stehen. Mit Reihenbestuhlung würden wohl doppelt soviel Leute reinpassen, und wenn bekannte Künstler dort eine After-Show-Party schmeissen, ist bei 1500 bis 2000 PAX Schluss. Soweit mir bekannt, ist das Schloss das einzige Zelt des Landes mit fest installiertem Schallschutz. Wenn man drin die erlaubten 95 dB fährt, sind es draussen auf der Strasse rund 55 dB, wie mir einer der Manager sagte. Das kannte ich bislang nur von fest gebauten Gebäuden. Eine Bühne von derzeit 10*4 Metern ist fest installiert, diese kann auf 10*5 vergrößert werden. Gegenüber der Bühne ist in rund 3m Höhe der Mischerplatz fest installiert.
Die fest installierte PA ist von d&b audio, drei Bässe unter der Bühne, vier geflogene geclusterte Tops und rund neun identische Monitore, wobei zwei davon als Outfills auf Stativen aufgestellt sind, drei als Nearfills unter der Bühne stehen und in die ersten Publikumsreihen strahlen, und die restlichen vier tatsächlich als Monitore verwendet werden können.
An Mikros gibt es vier Handfunken von Sennheiser, ein paar Beltpacks für Headset-Mics, deren Herkunft mir gerade nicht einfallen will, zwei AKG C391 Kleinmembran-Kondensatormics, dem Shure Drumkit der PG-Serie und einer ganzen Ladung SM 57 und 58. Bis auf den Ausrutscher mit der PG-Serie alles Standardware. DI-Boxen sind ein paar aktive AR133 von BBS und eine passive Palmer PAN 04.
Der Mischerplatz ist bestückt mit einem MIDAS Verona mit 32 Mono- und 8 Stereokanälen. Nett die durchstimmbaren Hochpassfilter und die vier semiparametrischen Bänder, wobei ich mir inzwischen zumindest für die beiden Mittenbänder vielleicht drei wählbare Q-Werte wünsche: Einmal hohes Q für ein schmalbandiges Filter, also für „chirurgische Eingriffe“. Einmal niedriges Q für einen musikalisch-breit wirkenden Filter, und einen Wert dazwischen. Ist aber leider selten. Den Stereokanälen fehlt die Parametrik in Bässen und Höhen, dafür kann man den Stereoeindruck stufenlos auf Mono runtermischen. Je acht AUX und Gruppen sowie eine Matrix mit vier Ausgängen runden das Bild ab.
Im Effektrack finden sich drei EQs von Altair und ein (leider defekter) BSS 966. Je ein Vierfach-Gate und -Kompressor von Klark Teknik sind am Start, dazu ein Dynacord-Effektgerät (DRP-15 oder so), das mich vom Sound und der Bedienung an ältere Lexicons erinnert, sowie je ein Reverb DPS-R7 und ein Delay DPS-D7 von Sony. Die DPS-Serie ist schon locker 15 Jahre alt, genauso wie das Dynacord. Aber das zumindest tut es, die beiden Sonys sind angeblich defekt

Müssen wir noch testen.
Clever gelöst ist das MultiCore: Es gibt ein Main-Core vor zur Bühne. Von dort gehen Subcores mit je acht Kanälen an jede Bühnenseite, so dass man trotz großer Bühne überwiegend mit recht kurzen Mikrofonkabeln hantieren kann.
Daneben steht ein älteres Lichtpult namens Celco Ventura. Damit wird so ziemlich alles gesteuert, Raumlicht, Hintergrundbeleuchtung, ein Rudel Stufenlinsen und PARs en masse. Es soll auch für intelligentes Licht tun, aber das ist im Schloss nicht vorhanden.
Auf die Gefahr hin, die Licht-Spezis zu langweilen, das Pult hat eine Funktion, bei der man mit einem Fader ganze Scheinwerfergruppen ansteuern kann – jeweils programmierbar, und wenn ich z.B. den Fader für Cue X aufreisse, gehen die Lampen 12, 34, 44, 45 und 56 zu 100% an, 22 und 91 zu 75%, etc. Kann man alles definieren. Ich habe mit rund einem knappen Dutzend Gruppen gearbeitet: Sprecherlicht weiss, Bandlicht weiss, Bühnenfrontaufhellung weiss, Bühne orange, Bühne rot, Bühne blau, Saallicht weiss, Saallicht amber, Barbeleuchtung und einen Scheinwerfächer auf der Bühne, bestehend aus drei Floorspots, deren Strahlen eine Art Fächer auf den Bühnenhintergrund aufgemacht haben. Hat Spass gemacht, zu jedem Part die passende Stimmung zu erzeugen: Bühne orange war eigentlich immer auf 40 bis 50% auf, rot bei Gefahr oder bei den Gedankengängen eines Irren, Band hell, wenn die dran waren, Sprecher hell, wenn der dran war. Den Künstlern hat's gefallen, und ich war ganz froh, denn tontechnisch hatte ich an Band und Sprecher kaum etwas zu mischen. Die klangen einfach gut, und der Band merkte man an, dass es Profis sind, die sich auf ihre Rolle verstehen – die können laut spielen, wenn sie dran sind, und super leise, wenn nur der Sprecher unterlegt werden soll – ohne, dass ich einen Finger rühren musste.
Nur so am Rande: Der Unterschied zwischen der Rolle eines Tontechnikers und der eines Haustechnikers ist zumindest für mich recht groß. Als Tontechniker hat man nur mit der PA zu tun. Vielleicht noch mit Strom und evtl. etwas mit Licht, aber das war es. Als Haustechniker hat man darüberhinaus dafür zu sorgen, dass die Toilettenbeleuchtung auch an ist, dass alle Türen offen oder (am Ende des Abends) wieder zu sind, den ganzen Kleinshice halt.
Zur Veranstaltung selbst: Die Band begann am ersten Tag gegen 14:00 mit dem Aufbau – ein kleines Drumset, ein Kontrabass an einer kleinen Glockenklang-Anlage, ein Musiker, der Saxophon, Klarinette und Querflöte über ein Shure SM 58 und ein paar Effekte ans Pult rausgibt, und ein Gitarrist, der seine halbakustische Gibson ES 335 über ein paar Effekte wie Chorus, Fuzz und Volumenpedal in einen Fender Vibrolux spielt bzw. eine edle Taylor Akustikgitarre über DI-Box ins Pult. Dazu der Vorleser. Auf der Bühne standen insgesamt zwei DI-Boxen und nur fünf Mikros rum: Ein Overhead (AKG C391) für das gesamte (!) Drumset, ein Shure Kondensator-Kleinmembraner aus der PG-Serie für Special Effects vom Bassisten (Blätterrauschen, alle möglichen Geräusche), ein SM 57 für den Fender-Amp, ein SM 58 für alle Blasinstrumente und ein weiteres AKG C391, dieses mit aufgezogenem Windschutz, für den Sprecher. Bass und Akustikgitarre gehen über DI ins Pult. That's it. Eigentlich verstosse ich damit gleich gegen eine Menge von meinen eigenen Grundsätzen. Nun denn, stellen wir sie auf die Probe.
Grundsatzverletzungen? Ja. Als da wären:
ein SM 57 vor dem Gitarrenamp
ein SM 58 für die Blasinstrumente in einer Jazzband
und nur ein Overhead für das gesamte Drumset
Machen wir es kurz – es hat funktioniert. Beim SM 57 musste ich halt etwas mehr herumfiltern als bei einem Sennheiser 906 oder 606. Das einzelne OH für das gesamte Drumset (also incl. BD!) hat auch sehr gut funktioniert – es ging hier um Jazz, nicht Rock. Bei Rock wäre mindestens ein weiteres BD-Mikro Pflicht gewesen. Und das SM 58 hat sich bei der Mikrofonierung von Saxophon, Klarinette und Querflöte – alles aus einem Abstand von 10 cm bis 1 m – ebenfalls wacker geschlagen.
Gelernt habe ich aus der ganzen Angelegenheit, dass ein AKG C391 nur mit aufgesetztem Windschutz als Sprechermikro taugt. Dann aber sogar richtig gut. Ausserdem scheine ich ein Händchen für Theaterlicht zu haben. Vielleicht sollte ich mich mal in die Bedienung der gebräuchlichen Lichtpulte einarbeiten.
Jedenfalls hat mir die Beschallungd ieser Angelegenheit soviel Spass gemacht, dass ich mich wieder drum reissen werde, wenn der Leser (Johannes Steck) oder die Band (FrimFram Collective) mal wieder im Schloss gastieren. Spätestens im Februar ist es soweit, dann liest Johannes Steck „Die Zwerge“ und wird dabei von Corvus Corax begleitet. Dürfte interessant werden. Wer zwischen dem 9.2. und 16.2.2010 in München ist, sollte sich das mal geben.
Viele Grüße
Jo